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Germanic Collections

40 Jahre Lebensreformbewegung in Deutschland, ca. 1890 - 1930
Bibliothek Janos Frecot, Berlin 

Einführung und Kurzbeschreibung

Janos Frecot, 1937 in Rumänien geboren, seit 1947 in Berlin. Wurde zum "leidenschaftlichen Berliner vor dem Hintergrunf der märkischen Wälder". Jahrelang Herausgeber musikwissenschaftlicher Bibliographien. Daneben Beschäftigung mit der Alltagskultur der Großstadt und mit der Geschichte gesellschaftlicher Randgruppen. In der siebziger Jahren Abteilungssekretär und Ausstellungsmacher an der Berliner Akademie der Künste. Seit 1978 am Landesmuseum Berlinische Galerie als Gründer und Leiter der Photographischen Sammlung.

(Haupt-) Verfasser der zusammen mit Jonas Geist und Diethart Kerbs 1972 erschienenen Publikation über den Maler Fidus: "Fidus 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen". (München, Rogner & Bernhard 1972).

Die Buchsammlung Frecot, eigentlich besser: Archiv zum Thema Lebensreform mit seinen verschiedenen Facetten, wurde in dreißig Jahren zusammengetragen und bildete die Handbibliothek zu Forschungsarbeiten über Themen und verschiedene Aspekte der Reformbewegung in Deutschland.

Die Sammlung besteht aus über 1500 Büchern und Broschüren und enthält von ca. 250 Zeitschriften etwa 850 Hefte. (Vereinzelt finden sich auch Zeitschriften in den verschiedenen Buchabteilungen, meist, wie die übrigen Bücher, in Oktavformat).

Die Veröffentlichungen erschienen meist in Klein- und Kleinstverlagen und fehlen, wie Stichproben ergaben, größtenteils in öffentlichen Bibliotheken. Grundlage der angebotenen Bibliothek bilden verschiedene Sammlungen, darunter Nachlässe der Familie Fidus (Tochter Hilde Altmann-Reich, Sohn Holger Fidus und Frau). Zahlreiche Bücher mit deren Besitzeintrag oder Namensstempel. Vorhanden sind eine Reihe von Widmungsexemplaren.

Janos Frecot: Entstehung meiner Sammlung und Intention beim Aufbau.

1965 erwarb ich in Berliner Antiquaritaten etwa gleichzeitung zwei Bücher: von Bruno Wille die "Offenbarungen des Wacholderbaums" und "Oh Ihr Tage von Friedrichshagen!" von Wilhelm Spohr. Die Lektüre brachte mich auf die Spur der Lebensreform, die, wie bei Spohr nachzulesen, in der Gestalt des Malers Fidus einen Kristallisationspunkt ihrer Entwicklung gefunden hatte. Beruflich war ich damals mit der Arbeit an musikwissenschaftlichen Bibliographien beschäftigt (dem sog. "Schmieder") und verbrachte meine Tage in Bibliotheken; nebenher blieb mir Zeit für die Recherche nach der neuentdeckten terra incognita. Denn Spohr schrieb da von Gestalten, Strömungen und Wirkungen, die nicht nur mir vollkommen unbekannt waren! Eine Zeitungsannonce führte mich zu Hilde Altmann-Reich, der ersten Tochter des Malers Fidus. Sie war ihr Leben lang eine praktizierende Teilnehmerin der Lebensreform gewesen, die ich zu begreifen versuchte. Von ihr erfuhr ich Authentisches über Vegetarismus und Freikörperkultur, Jugendbewegung und Theosophie.

Mit diesen biographischen Reminiszenzen sind auch schon die Motive und Voraussetzungen gegeben für die jahrelange Beschäftigung mit einem zunächst ganz abwegig und antiquiert wirkenden Sachgebiet: emotionales Erfaßtsein (Wille, Spohr), technische Möglichkeit (Arbeit im bibliographischen Bereich) und unmittelbarer Einstieg in die Thematik durch eine Zeitzeigin. Erstes Ergebnis dieser Recherchen war das 1972 erschienene Buch über Fidus, das ich zusammen mit Jonas Geist (Architekt und Bauhistoriker) verfaßte (die Rolle des 3. Autors, Diethart Kerbs, beschränkte sich auf wenige Kapitel). Die Fidus-Monographie gibt in ihrem Einleitungsaufsatz einen "Abriß der Lebensreform". Hier wurde erstmals in der historischen Forschung auf ein ideologie- wie mentalitätsgeschichtliches Konglomerat aufmerksam gemacht, das nicht nur nach meiner Überzeugung eine ziemlich einmalig deutsche Angelegenheit zu sein scheint. Ein Zerfallsprodukt, entstanden in der Auflösung der Religionen, aus Mißtrauen vor der Entwicklung der Moderne, das sich in Urbanisierung und Industrialisierung, Emanzipation und Demokratisierung, aber auch in der Suche nach materiellem Wohlstand nach Bequemlichkeit und Luxus wie nach Internationalität manifestierte. All das waren Reizworte für die Lebensreformer, die in der Stadt, der Zivilisation und der Moderne nur Dekadenz sahen.

In allen Gesellschaften gibt es Menschen, die sich den gesellschaftlichen Normen und Entwicklungen versagen, die "aussteigen" um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie sind von den bürokratischen Formen der Religiosität in den Kirchen angewidert und suchen Frömmigkeit. Sie mißtrauen den Techniken der Medizin und glauben an die Heilkunst. Sie verabscheuen die zusammengepferchte Masse natur- und ich-entfremdeter städtischer Lebensweise und suchen das einfache, gesunde, bescheidene und mit der Natur in Harmonie stehende Leben des Siedlers. Sie wollen zurück hinter die Zeit: Ernst Bloch sprach in diesem Zusammenhang von "rückwärtsgewandter Utopie"; Hitler, der von der modernen Vernichtungstechnik faszinierte Machtmensch, verachtete sie als "völkische Rückwärtse" mit Pfeil und Bogen.

Die Suche nach dem autarken, dem authentischen Leben ist zunächst einmal keine deutsche Angelegenheit: nicht von ungefähr fanden sich die Schriften von Emerson und Thoreau sowie die Gedichte von Whitman in den Bücherregalen vieler Lebensreformer. Und die moderne Aussteigerbewegung und Hippie-Kultur entstand schließlich in Kalifornien, wo eines der wichtigen Bücher "Big Sur" von Henry Miller angesiedelt ist. Aber die Sucht, die eigene Lebenspraxis mit einer Ideologie zu untermauern, Gefolgsleute zu suchen, Vereine zu gründen, Zeitschriften und Flugblätter herauszugeben und alsbald in Sezessionen und Abspaltungen sich wieder zu teilen, um nicht den Feind ("die Moderne", "die Kultur", "den Luxus"), sondern einander zu diffamieren und zu bekämpfen - das scheint mir doch sehr deutsch, und dieser Widerspruch zwischen dem richtigen Impuls, dem "Werde, der du bist", und der Kleinkariertheit, mit der das propagiert und formuliert wurde, hat mich in seiner Ambivalenz fasziniert und zur Beschreibung gedrängt.

Es wäre nicht der Rede wert, heute noch inzwischen längst Allgemeingut gewordenen oder zumindest allgemein anerkannten Phänomenen wie Vegetarismus, alternativer Medizin, Freikörperkultur oder außerhalb der großen Kirchen sich manifestierender christlicher Religionsausübung nachzugehen. Im historischen Komplex "Lebensreform" jedoch lohnt es für die Forschung insofern, als durch die Verbindung der o.g. Inhalte mit aggressiven Potentialen wie Antisemitismus, Antidemokratismus, Antisexualität ein brisantes Gemisch von Zu und Abneigungen entstand, die im demokratisch nicht gefestigten Deutschland in den großen Strom des Präfaschismus mündeten.

Meine bibliographischen Recherchen ergaben einen signifikanten Hinweis: nur wenige Zeitschriften, Serien und Autoren der Lebensreform sind in der deutschen Nationalbibliographie und anderen relevanten Nachlagewerken erfaßt. Dementsprechend gering ist die Chance, entsprechende Literatur im Leihverkehr zu bekommen: wir haben es hier mit einem weitgehend apokryphen Literaturbereich zu tun, der sich außerhalb des Verlags, Zeitschriften und Wissenschaftsbetriebs gebildet hatte, einem unterirdischen Wurzelgeflecht vergleichbar, und der offenbar über ganz eigene Herstellungs-, Vertriebs- und Absatzwege verfügte. Wer sich mit Sektenforschung befaßt, dem ist dies vertraut.

Diesem bibliographisch-bibliothekstechnischen Befund verdankt die Sammlung ihr Entstehen:

  • Antiquariats- und Flohmarktkäufe, überwiegend in Berlin, durch Antiquariatskataloge auch übriges deutschsprachiges Gebiet,
  • Schenkungen von Privatpersonen, die selbst aus der Lebensreform oder Jugendbewegung kamen und meine Arbeit unterstützten,
  • Schenkungen der Familie Fidus, d.h. der Hilde Altmann-Reich, des Sohnes Holger Fidus und der Schwiegertochter Annemarie Fidus.

Ich versuchte aus diesen Quellen alles Relevante zusammenzutragen, was in Bibliotheken schwer oder nicht zu finden ist. Das gilt besonders für die Sammlung von Zeitschriften: hier war ich oft schon froh, ein einziges Exemplar zu finden und nahm es als Belegstück, als Vernetzungspartikel im Wurzelgeflecht.

Ziel meines Sammelns war lange die Herausgabe einer grundlegenden Bibliographie zur Lebensreform. Sie hätte parallel zur Erforschung der Jugendbewegung Bereiche der völkischen, antisemitischen und nationalbolschewistischen Bewegungen bis hin zum Nationalsozialismus einzubeziehen. Meine Biographie verlief indessen anders: mehr und mehr in Richtung Kunstgeschichte, seit zwanzig Jahren bin ich Photo-Kurator an einem großen Museum. Dennoch lag die Sammlung all die Jahre nicht brach: durch eigene Veröffentlichungen wie die von Kollegen, z.B. Ulrich Linse, die auf diese Raritäten zurückgriffen, wurde in interessierten Kreisen bekannt, welche sonst im Wissenschaftsbetrieb nirgends auffindbaren Dokumente hier gesammeit worden waren. So waren auch immer wieder Broschüren, Zeitschriften und Flugblätter als Leihgaben auf großen Ausstellungen in Berlin, München, Zürich und anderorts zu sehen. Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Sammlung Lebensreform einen umfassenden Einblick in die Ideologien wie die Organisationsstruktur des vielfältig verästelten Konglomerats der Erneuerungsbewegungen im deutschsprachigen Raum zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus gibt und als Basismaterial für eine bibliographische, verlegerisch-editorische und organisatorische Beschreibung dieses heute in den Alternativ-Bewegungen wieder aktuellen Bereichs zur Verfügung steht.

Januar 1996

Janos Frecot

 

 

Last modified: June 27, 2005

     
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